Würzburg – Wir zimmern uns unsere Wahrheit schon zurecht!

Wer dachte nach der letzten Woche würde zumindest für ein paar Tage Ruhe einkehren, wurde gestern Abend eines besseren belehrt. Ein 17jähriger Afghane, ein unbegleiteter Flüchtling, ging in einem Regionalzug auf der Strecke zwischen Ochsenfurt und Würzburg mit einer Axt und einem Messer auf Mitreisende los. Nachdem jemand die Notbremse zog, griff er auch im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld Menschen an, ehe er von Polizisten niedergeschossen wurde. Soweit was wir wissen …

Allerdings leben breite Teile der Bevölkerung längst in Sphären, in denen es besser heißen müsste: was wir wissen WOLLEN ….

Da wären die einen, die in der rechten Ecke. Sie gieren nach der Nationalität des Täters. Nach seinem Status, er muss doch Flüchtling sein. Ein junger Mann. Ihr personifiziertes Abbild des Teufels, ein junger männlicher Flüchtling! – Und da wären die anderen, die in der linken Ecke. Die reflexartig auf die andere Seite einhauen, ob sie sich jetzt in ihrem Umfeld schon gemeldet haben oder nicht. Die Politiker und Verleger, denen zwar noch nie jemand mit einer Axt das Leben nehmen wollte, sie aber eines ganz sicher wissen, man dürfe ihn dann nicht erschießen – schon gar nicht, wenn man Polizist ist.

Ist jemanden aufgefallen, wovon im vorhergehenden Absatz nicht die Rede war? Richtig, die Opfer! Ja, unglaublich, aber wahr. Da wurden Menschen schwer verletzt, keine Nummern in einer Statistik. Da wurde ein 17-Jähriger aus Notwehr getötet. Ein dummer kleiner Junge, ganz am Anfang seiner Karriere als Kanonenfutter. Sowas gibt’s in Deutschland übrigens ständig, nur starten die meisten eine Karriere bei Skinheads oder bei der Antifa – beides Gruppen, deren Ziel auch die Zerstörung unserer Gesellschaft, unserer Werte, des Staates ist, die allerdings weniger Wert auf ihr eigenes Ableben legen. (Das klingt zynisch – ja, weil es zynisch ist.)

Aus dem Amoklauf in Würzburg können wir zwei wichtige Dinge lernen. Da gibt es das Offensichtliche, das Desinteresse politischer Gruppen am tatsächlichen Geschehen, zugunsten der zurechtgezimmerten Wahrheit. Den einen muss man entgegenhalten, dass der Islam natürlich insofern etwas mit der Tat zu tun hatte, weil der Täter eine gewisse Interpretation dieser Religion als Ausgangsmotivation hatte. Den anderen muss man entgegenhalten, wer hier nach wie vor von einem Einzelfall spricht, der leugnet keine Tatsachen, sondern beruft sich im Gegenteil gerade auf statistische Tatsachen.

Es gibt aber noch eine zweite Lehre und die ist zwar eigentlich auch nicht unbedingt neu, aber jetzt vielleicht deutlich sichtbarer. Würzburg, meine geliebte Heimatstadt, schrammte vor einigen Jahren haarscharf an dem Slogan „Provinz auf Weltniveau“ vorbei. Es hat also die Provinz getroffen, nicht Berlin, nicht München – obwohl beide Städte in den letzten Jahren sicher mehr als einmal kurz davor standen. Amokläufe waren schon immer alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal der Metropolen. Für Amokläufer, die gezielt eine mediale Wirkung erzielen wollen, sind die Zeiten so gut wie nie zuvor. Als in der Türkei geputscht wurde, war das Geschrei große, weil kein Fernsehsender frühzeitig sein Programm unterbrach. Aber wozu eigentlich, das Internet, speziell die sozialen Medien lenken längst einen weit intensiveren Spotlight auf das grausige Geschehen. Und diese Aufmerksamkeit ist überall! Sie liegt auf jedem Quadratzentimeter des Landes. Sie herrscht 24 Stunden, 365 Tage lang ununterbrochen. Kurzum, wer sich einen spektakulären Abgang verschaffen will, ist längst nicht mehr gezwungen aufs Oktoberfest zu gehen oder vors Brandenburger Tor.

Wir haben die Türkei verloren

Als der türkische Präsident Recep Erdogan heute vor einem großen Bild von Mustafa Kemal Atatürk seine Rachepläne an den Putschisten verkündete, war das wohl eines seiner letzten Zugeständnisse an die Türkei, wie sie einmal war. Ein letztes Mal hat Erdogan hinter sich das Bild jenes Mannes zugelassen, den er ersetzen will: Atatürk. Fortan wird es nur noch ihn geben, den Sultan am Bosporus.

Und die westlichen Staatschefs klatschen Beifall, einige sprechen sogar vom Sieg der Demokratie. Dabei dürfte das demokratische Experiment Türkei mit dem heutigen Tag beendet sein, nichts kann dieses Land mehr davor retten zu einem weiteren muslimischen Land unter der Herrschaft eines Despoten und einer ihn huldigenden Clique zu verkommen.

Erdogan mag demokratisch gewählt worden sein, aber seine Wahlsiege haben immer mehr den faden Beigeschmack von Zensur und Lügen bekommen. Und als es gar nicht mehr ging, ließ er den Krieg mit den Kurden wieder beginnen, um Wählerstimmen zu bekommen. Nach der gleichen Logik schickte er in der gestrigen Nacht seine Anhänger auf die Straße, wohl wissend, dass sie einer Gruppe schwer bewaffneter Soldaten gegenüberstehen würden. Das Leben der anderen kümmert Erdogan wenig, wenn es um seine eigene Macht geht.

Es mag unpopulär sein einem Militärputsch zu begrüßen. Aber ich sage es an dieser Stelle, offen und ehrlich: Als sich abzeichnete, dass der Putsch scheitern würde, war ich tief bestürzt – tief bestürzt in dem Bewusstsein, dass das türkische Volk auf lange Zeit seine letzte Chance auf Demokratie und Freiheit verspielt hat.

In den Jahren seiner Regierung hat Erdogan systematisch Polizei und Justiz mit seinen Günstlingen neu besetzt. Staatsanwälte, die gegen seine Anhänger wegen Korruption ermittelten wurden kaltgestellt. Ebenso wie der türkische Generalstab, seine Mitglieder wurden durch Gefolgsleute oder zumindest Offiziere ersetzt, von denen keine Gefahr droht. Man mag es so kurz vor dem 20. Juli kaum aussprechen, aber es ist kein Wunder, dass es die Offiziere in der Ebene darunter waren, die einen letzten, verzweifelten Versuch unternommen habe ihrer Aufgabe als Wahrer des Erbes von Atatürk gerecht zu werden. Nach Erdogans Gegenschlag wird auch das Militär jene Rolle teilen, die Justiz und Presse bereits haben: willfährige Gehilfen des neuen Alleinherrschers der Türkei

Wir sprechen immer noch von einem Putschversuch einer großen Anzahl von tapferen Offizieren und Soldaten, dabei ist in diesen Stunden ein weiterer Putsch im Gange. Erdogan nutzt die Gunst der Stunde, von deren Kommen so mancher munkelt, dass er vorher Bescheid gewusst hat, und beseitigt auch die letzten Reste der Rechtstaatlichkeit und Demokratie in der Türkei. Die Hälfte der Bevölkerung, die ihn bejubelt, mag es noch nicht wissen, aber sie marschiert wie die andere Hälfte in die Tyrannei. Präsident Obama unterdessen beglückwünscht den neuen, alten starken Mann – der eine geht, der andere wird zum Sultan auf Lebenszeit.