Filmkritik: Lucy

Ich erinnere mich düster an ein paar Werbeanzeigen in Zeitschriften während meiner Kindheit, die versprachen eine völlig simple Methode zu haben, die volle Kapazität seines Gehirns zu nutzen. Der normale Mensch würde ja lediglich 10 % seines Gehirns im alltäglichen Einsatz haben, da ist also noch viel Potential. Und wer dann immer noch skeptisch war, der wurde von einem Bild Albert Einsteins endgültig überzeugt. Inzwischen ist der Zehn-Prozent-Mythos weitgehend als wissenschaftlicher Humbug entlarvt, was aber Luc Besson nicht davon abgehalten hat, ihn zur Grundlage seines Films “Lucy” zu machen.

Wie die meisten Menschen nutzt auch die in Taiwan gestrandete Amerikanerin Lucy (Scarlett Johansson) zu Beginn des Streifens nur 10 % ihrer Gehirnleistung. Bis sie in die Fänge eines Drogenboss (Choi Min-sik) gerät, der sie kurzerhand betäubt und ihr einen Beutel mit einer neuartigen Drogen in den Bauch operieren lässt. Doch die Sache geht schief, der Beutel in Lucys Bauch öffnet sich und ihr Körper beginnt die Droge aufzunehmen. Schon wenige Minuten später steigert sich die Nutzung ihrer Gehirnkapazität von Prozent zu Prozent – und mit jedem Prozent bekommt sie neue Fähigkeiten.

Das ein widerlegter Mythos die Grundlage für Bessons neuesten Film bildet, ist eigentlich angesichts der gesamten Story und der teils nicht zu übersehenden Logikfehler fast schon eine konsequente Entscheidung. Aber eigentlich macht das nicht viel aus, denn Besson legt mit “Lucy” einen rasanten Film irgendwo zwischen dem Action- und Science-fiction-Genre hin, der beide Genrefans optisch durchaus zufrieden stellen dürfte. Überhaupt besticht der Streifen vor allem durch seine Optik, nicht erst, wenn Lucy gegen Ende des Films zu einer Zeitreise bis an den Beginn der Zeit aufbricht – und einen Zwischenstopp bei jener Lucy in Afrika macht, die manch Wissenschaftler sozusagen als eine Art evolutionstechnische Eva betrachtet.

Es ist diese handwerkliche Perfektion, die “Lucy” am Ende doch eine gute Wahl für einen gelungenen Filmabend werden lässt. Denn auch schauspielerisch bleibt zum Beispiel Scarlett Johansson weit unter ihrem Leistungsniveau. Und auch Altmeister Morgan Freeman scheint keine Lust gehabt zu haben, gegen die pure Rolle als Stichwortgeber anspielen zu wollen, die ihm Besson in seinem Film nur zugedacht hat.

“Lucy” ist am Ende ein actiongeladener, optisch reizvoller Film, der zumindest keine Langeweile aufkommen lässt und zwischendurch vielleicht sogar den ein oder anderen philosophischen Gedanken entstehen lässt – wenn auch auf Grundlage eines widerlegten Mythos.

Bewertung: drei

Buchkritik: “Unterwerfung”, Michel Houellebecq

Was wurde nicht alles über den neuen Roman “Unterwerfung” von Michel Houellebecq geschrieben, vor allem islamophob soll er sein. Nun, so richtig islamophob ist er eigentlich nicht. Man möchte fast sagen, der Islam, der bei ihm von Frankreich Besitz ergreift, kommt von allen Weltanschauungen die er kritisiert noch am besten weg. Nicht zu Unrecht stellt sich der Ich-Erzähler in seinem Roman am Ende vor, dass es doch eigentlich ganz einfach wäre der Karriere (und der Frauen) wegen zum Islam zu konvertieren.

Einfach, weil wie der Autor in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegenüber selbst betont, sein Hauptakteur eigentlich an gar nichts mehr glaubt. Da wäre es doch einfach, an etwas anderes nicht zu glauben. Für ihn wäre die Unterwerfung unter die neuen Herren, die Kollaboration 2.0, damit halb so schwer.

“Es ist die Unterwerfung”, sagte Rediger leise. “Der nie zu vor mit dieser Kraft zum Ausdruck gebrachte grandiose und zugleich einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht.”

Es ist die Geschichte der O von Dominique Aury, die hier für das Grundthema des Romans als Beleg zur Verfügung steht, nicht etwa der Islam. Auch kein großes Wunder, denn in seinem Roman räumt Michel Houellebecq gerade den Frauen eine große Rolle ein. So lässt er den oben erwähnten zum Islam konvertierten Rediger glauben, das Christentum als Religion der Frauen diffamieren zu können und mit das erste, vielleicht auch das einzige, was seiner Hauptfigur nach der Machtübernahme der muslimischen Bruderschaft auffällt, ist das Fehlen von Frauen bei öffentlichen Veranstaltungen (bzw. das Verbergen ihrer erotischen Reize in der Öffentlichkeit). Ansonsten aber schildert Houellebeqc sozusagen eine Männerwelt, in der freilich aber auch nur die Starken mehrere Ehefrauen abbekommen, die Schwachen gar keine Frau finden werden. Der oben erwähnte Rediger spricht in diesem Zusammenhang gar von einer natürlichen Selektion.

Jenseits des Themas Islam ist “Unterwerfung” allerdings sozusagen ein typischer Houellebecq. Seine Hauptfigur, ein Literaturprofessor, vegetiert mehr oder weniger vom Leben gelangweilt vor sich hin. Dabei meint es das Leben durchaus gut mit ihm. Abgesichert durch seinen Professorenstatus, jährlich eine neue Geliebte aus den an die Uni strömenden Studentinnen, findet er dennoch in all dem keinen Sinn oder keine Befriedigung. Er glaubt an nichts, das heißt, eigentlich glaubt er wahrscheinlich nicht einmal an das Nichts selbst und begibt sich dennoch immer wieder nach Phasen der Depression auf die Suche nach einem Sinn. Flieht vor den gefürchteten Unruhen aufs Land, verbringt ein paar Tage im Kloster oder versucht bei Prostituierten sexuelle Befriedigung zu erlangen. Doch selbst wenn er glaubt etwas gefunden zu haben, schon beim nächsten Mal ist es wieder genauso unerreichbar wie zuvor.

Kurz um, es ist das Grundthema von Houellebecq und er meistert es wie gewohnt souverän. “Unterwerfung” ist durchaus zurecht sein wohl meist verkaufteste Buch in Deutschland.

Bewertung: vier

Nachrichten selbst gemacht

Gestern ging es an dieser Stelle ja um die Headlines bei heute.at, doch offenbar muss man bei “Heute” jetzt schon selbst für eine Nachricht sorgen:

Der Fall an sich wäre ja schon in Ordnung, wenn in dem Artikel eben nicht von “Maria J.” die Rede wäre, sondern sich die Chefredakteurin Maria Jelenko auch als solche zu erkennen geben würde. Aber das hätte ja dann mit journalistischem Anspruch zu tun …

Mehr bei SpiegelOnline.

Altruismus ist nur Nächstenliebe light

Gestern bin ich doch noch dazu gekommen Peter G. Kirchschlägers Beitrag “Die philosophische Anschlussfähigkeit der Nächstenliebe” in der Januarausgabe von Stimmen der Zeit zu lesen. Kein schlechter Beitrag, bis auf die Tatsache, dass er dort den christlichen Begriff der “Nächstenliebe” mit dem von Auguste Comte geschaffenen Begriff “Altruismus” gleichsetzt. Etwas, was bei mir sofort hochgezogene Augenbrauen hervorruft, da ich seit einigen Monaten mit dem Altruismus an sich nicht mehr viel anfangen kann.

Comte war Philosoph und Religionskritiker, es liegt also nahe, dass er den Altruismus als Definition für selbstloses Handeln in erster Linie erfand, um eine religiöse Handlungsweise ins atheistische Weltbild zu übernehmen. Natürlich musste er sie dabei “von Gott befreien”, die spannende Frage ist deshalb, inwiefern das Konzept “Altruismus” funktioniert, oder ob ihm etwas entscheidendes fehlt.

Selbst ohne den ausdrücklichen Bezug auf Jesus Christus, kann man einen Mangel am Begriff “Altruismus” feststellen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Da steckt gezwungenermaßen a) ein Perspektivwechsel und b) ein Bezug auf sich selbst drin. Letzteres, den Bezug auf sich selbst, vergessen auch viele Christen. Denn darin steckt auch die Aufforderung, sich selbst nicht zu vergessen. Aber das ist wohl genug Stoff für einen eigenen Beitrag. Es reicht wohl dadurch zu erkennen, dass ich den Nächsten auch ein eigenes Selbst zugestehen muss. Und um ihn dann Nächstenliebe entgegen zu bringen, muss ich mich in seine Lage hineinversetzen. Nächstenliebe bedeutet also oft mehr, als pure Gewissensberuhigung durch ein paar in die Mütze des Bettlers geworfene Münzen.

“Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne des Himmels werdet.”, Mt 5,44-45

Im Christentum, aber auch vielen anderen Religionen, spielt aber auch die Feindesliebe eine große Rolle. Die explizite Aufforderung auch seine Feinde zu lieben fehlt dem Altruismus, aber sie ist auch im Alltag unglaublich wertvoll. Denn heruntergebrochen auf eine Welt, in der es vielleicht nicht von Feinden, die einen verfolgen, wimmelt, dies vor allem noch einmal sich in den anderen hinein zu versetzen – eben auch in jemanden, den man nicht sympathisch findet, von dem man sich zum Beispiel hintergangen fühlt. Es zwingt einen, die Situation mit dessen Augen zu betrachten und mit dieser neuen Blickweise die Sache vielleicht plötzlich ganz anders zu sehen. In unserer von Misstrauen zerfressenen Welt, ist die christliche Feindesliebe eine große Chance.

Und last but not least ist dann da eben noch der Bezug auf Jesus Christus. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Jesus ist in den Armen und Notleidenden gegenwärtig, Nächstenliebe ist so eben auch Gottesliebe. Dieser bedeutende Handlungsimpuls fehlt dem Altruismus total und bringt ihn in die Gefahr beliebig zu werden. Nächstenliebe aber gilt per Definition für meinen Nächsten.

Kein Morgen ohne Heute

Zu den Vorzügen meines (Noch ein paar Tage) Jobs gehörte es, die Webseite von Heute kennengelernt zu haben. Dabei handelt es sich nicht um die ZDF-Hauptnachrichtensendung, sondern eine Kostenlos-Zeitung aus Wien, die dementsprechend auch unter heute.at zu erreichen ist.

Wer sich in Wien und Umgebung behaupten will, muss da angesichts der Übermarktmacht der Krone schon ein bisschen marktschreierisch zu Werke gehen. Was Heute durchaus auch tut – und natürlich auch online. Und so kommt es, dass manchem bild.de im Vergleich zu heute.at glatt vorkommen wird wie die Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Die Wiener haben es sich nämlich offenbar zur Aufgabe gemacht das Netz nach Trash und Absurditäten abzusuchen und sind darin durchaus erfolgreiche. Da schreckt man selbst vor einer Vagina in einem künstlichen Fußgelenk nicht zurück.

Und so wurde, getreu dem Zeitungsmotto “Kein Morgen ohne Heute” der (fast) tägliche Besuch auf der österreichischen Seite zu einem Vergnügen für mich, denn nirgendwo sonst konnte man so herrlich über die Trashwelt unserer heutigen Gegenwart lachen. Zum Beispiel über meine Top 3 der Schlagzeilen der letzten Tage:

Nummer 3: Vagina-Gewichtheberin geht auf Weltreise

Nummer 2: Dreibrüstige Frau hat vier Männer an der Leine

Nummer 1: “Bums-Boot” am Bodensee bekommt SM-Nachfolger

Ganz ehrlich, wenn ich mal groß bin, dann will ich ganz unbedingt Schlagzeilentexter bei heute.at werden.