Die Alltäglichkeit der Pornographie

Freitag Nacht … Es ist längst dunkel … Im unterirdischen Labyrinth des Mainfrankentheaters füllt sich ein schwarz verkleideter Raum mit Menschen … Gepolsterte Stühle, über jeden zweiten aber liegt ein schwarzes Seil bereit … Mögen die Fesselspiele beginnen!

Gemach, ich begebe mich für dieses Blog zwar manchmal in Situationen, in die man sich nicht begeben sollte, aber mein Hang zu BDSM und anderen Spielarten der Sexualität ist doch nach wie vor arg begrenzt. Dennoch habe ich dieses Saison zumindest zwei Vorstellungen der Reihe Freitag Nacht des Mainfrankentheaters in Würzburg besucht, vier sind es insgesamt + ein noch bevorstehendes „Best of“, und alle stehen unter dem Oberthema Sex.

Die Fortexistenz des Theaters als Kunstform ist für mich ein unerklärliches Paradox! Auf der einen Seite sitzt ein tendenziell eher älteres und konservatives Publikum, auf der anderen aber Theaterleute, die sich für modern und progressiv halten. Da jene, die eigentlich ihren Faust und Hamlet sehen wollen, hier jene, die es für gesellschaftlichen Protest halten, wenn man möglichst viel Kunstblut auf möglichst nackte Haut spritzt. Da kommt zusammen, was eigentlich nicht zusammenpasst.

Jetzt könnte man bei Freitag Nacht: Sex nun auch viel Kunstblut und noch viel mehr an nackter Haut vermuten, aber dabei handelt es sich nicht um ein klassisches Stück, sondern eher um ein zusammengestelltes Programm aus Texten, kleinen Szenen, Lieder und – von mir besonders gehasst – interaktiven Publikumseinbeziehungszeugs. Das kann durchaus gelingen, wie die Vorstellung unter dem Motto „Untreue“ unter Beweis stellte, wo die Mischung schlicht perfekt war. Dort ein Lachen – und plötzlich der Kloss im Hals. Bei Teil IV unter dem Titel „Der harte Kern“ war das jedoch nicht mehr der Fall.

Pornographie auf Abhaklisten

Der harte Kern, also jene, die auch nach drei Vorstellungen noch dabei waren. Und natürlich auch gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass es an diesem Abend auch um den harten Sex geht. Sadomaso und was sich die Macher sonst noch so an Fetischen ergoogeln konnten. Was dabei allerdings herauskam, war eine Verbeugung vom dem Versagen des großen Marquis … yep, genau, Donatien Alphonse François de Sade.

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Der – wohl eher erfundenen – Legende nach, soll De Sade Die 120 Tage von Sodom im Gefängnis mit seinem Blut geschrieben haben, weil ihm die Tinte ausging. Erfinderisch zum einen, erklärend zum anderen, weil die Handlung irgendwann nach 2/3 beiseite gelegt wird und sich der Autor einzig darauf beschränkt Perversion nach Perversion – buchhalterisch durchnummeriert – zu schildern. Geradezu prophetisch nahm De Sade damit eine Entwicklung vorweg, wie sich auch die Theatervorstellung bloßstellte: Perversionen, Abartigkeiten oder sexuelle Spielarten sind heute nicht mehr in der Lage zu schockieren, sie taugen Anno 2016 nur noch zu Punkten auf einer Liste. Sauber nacheinander aufgezählt, in der irrigen Hoffnung jemand würde sich dadurch noch schockieren lassen, statt wie ein pubertierendes Mädchen zu kichern.

Es gehört zu den ewigen Vorwürfen des Internets, das die dadurch erreichte ständige Präsenz der Pornographie die Gesellschaft verrohen lässt und auch die Hemmschwelle herabsenkt, die zu mehr Vergewaltigungen und Missbrauch führt. Das mag zum einen zwar sein, aber die von den Vertretern dieser Theorie an die Wand gemalte Verrohung der Gesellschaft findet auf der anderen Seite so auch wieder nicht statt. Es mag uns erschrecken, dass Pornographie auf den Smartphones von Jugendlichen allgegenwärtig scheint, zu Massenvergewaltigungen in der großen Pause ist es allerdings noch nicht gekommen.

Ohne Opfer bleibt diese Entwicklung aber dennoch nicht. Zwar mögen diverse im Internet nur einen Klick weit entfernte Sexualpraktiken in der Gesellschaft selbst hinter verschlossener Tür kaum nachgeahmt werden, die entsprechenden pornographischen Darstellungen entstehen aber dennoch. Völlig zurecht macht sich jeder Pädophile, der nicht mit eigener Hand ein Kind missbraucht, auch bei der Betrachtung entsprechender Bilder schuldig. Denn dort wird ein Kind missbraucht, weil es Menschen gibt, die sich daran ergötzen. Es genügt aber schon der Blick auf legale Pornographie, um Opfer zu sehen. So manch Gewaltporno ist völlig legal, grenzt aber dennoch an Vergewaltigung. Und gleichgültig, ob – in der Regel – die weibliche Darstellerin davor verkündet sie sei volljährig und danach davon erzählt, es hätte ihr Spaß gemacht, in der Szene weiß jeder, dass danach nicht selten gebrochene Seelen aus dem Folterstudio schleichen.

Freiwillige Vergewaltigungen gibt es nicht

Zugleich führt das Alles natürlich auch dazu, dass die legalen Grenzen immer weiter ausgereizt werden müssen. Das Publikum giert schließlich nach mehr, nach radikaleren Szenen. Gruppensex mochte gestern reizvoll gewesen sein, heute ist es nur noch der Gangbang – vorausgesetzt die Frau liegt in Fesseln. Die Schraube dreht sich immer weiter, muss immer fester gespannt werden, während die einst von SAT 1 oder RTL im Nachtprogramm gezeigten Folgen von Schulmädchenreport oder Auf der Alm wird … heute quasi schon ins Nachmittagsprogramm passen würden. De Sade mochte seine Zeitgenossen noch schockiert und entsetzt haben, zumindest überraschen könnte auch seine düsterste Fantasie heute niemanden mehr. Ob das eine gute Entwicklung ist? Nicht wenige stellen sich heute allen Ernstes hin und bejahen das aus tiefster Überzeugung, mit dem Verweis auf Volljährigkeit und Freiwilligkeit der Akteure, ignorieren dabei aber jeden Kontext, den sie auch gar nicht sehen wollen, weil ihr Argument der Freiwilligkeit dadurch hinfällig werden würde.

Sicher ist nicht allein das Internet der Schuldige, aber Pornographie ist heute so alltäglich und öffentlich geworden, dass sie im Verborgenen Auswüchse erreicht, die uns sehr sehr nachdenklich machen sollten.

Main Post-Redakteure sind auch keine Meister der Selbstkritik

Früher war alles besser. Es gab weniger Hasskommentare, aber auch Journalisten, die Kritik annehmen konnten, ohne sie für Hasskommentare zu halten. Mein Bericht vom ersten Hate Slam der Main Post.

Letzte Woche war ich auf meinem ersten Hate Slam. Hat ein bisschen gedauert, bis die Main Post auch diesen Trend kopiert hat und in der mainfränkischen Provinz wahrscheinlich noch als Innovation abfeiert. Aber ganz ehrlich, ich kam mir teilweise auch ein bisschen komisch vor. Da sitzt du in einem Hate Slam, bei dem sich Journalisten mit Hasskommentaren auseinander setzen, meist auf die lustige Art, und denkst so bei dir: Ja, eigentlich hat der Kommentator schon Recht.

Zumindest aber scheint mir die Main Post, auch wenn sie fleißig Artikel mit Paywalleinstellung auf Facebook veröffentlicht (kann man machen, ist aber dann halt Kacke), in Sachen Hasskommentare noch nicht das Hauptangriffsziel der Trollarmee zu sein. Sonst ließe sich schwer erklären, warum beispielsweise der Running Gag  gut und gerne zehn Jahre alt war und eben manch „Hasskommentar“ nichts mit Hass zu tun hatte, sondern bestenfalls ein Versuch von Ironie war. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch Kommentare gab, deren Urheber man in die Schublade Schwachmaten und rechte Spinner (linke Spinner scheint es nicht zu geben), stecken kann, aber wie gesagt, bei so manchem Kommentar, der in den Hate Slam aufgenommen wurde, war die Frage nach dem Warum? durchaus berechtigt.

Das lässt im Grunde zwei Schlussfolgerungen zu. Entweder

  • der durchschnittliche Redakteur der Main Post ist extrem dünnhäutig geworden, und ordnet auch Kritik in die Kategorie „Hasskommentar“ ein, die ironisch oder sarkastisch formuliert wurde, dessen Urheber aber keine ausführliche Begründung beigefügt hat,

oder

  • aber man wird jetzt nicht wirklich mit Hasskommentaren überflutet, und muss deshalb selbst welche deklarieren, um sich als edler Vorkämpfer der Pressefreiheit zu präsentieren.

Wenn sich etwa ältere Leser, also der typische Leser, über eine angeblich linke Main Post aufregt, sollte das einem nicht wundern. Die Main Post vor 30 Jahren war nun mal konservativer, als sie es heute ist. Wenn sich treue konservative Leser darüber aufregen, dass ihre Tageszeitung inzwischen der linksliberalen Hauptmedienmeinung angepasst hat, kann das einen Redakteur stören, aber er sollte sich nicht darüber wundern. Und vor allem sollte er genug Anstand besitzen, sich nicht über diesen Leser in der Öffentlichkeit lustig zu machen. (Anonymisierte Namen hin oder her.) Überhaupt fand sich bei diesem Hate Slam neben üblen Hasskommentaren eben auch jene journalistische Überheblichkeit, wie man sie eben mitunter vor allem bei Regionalzeitungen finden, die sich auf einem Quasimonopol ausruhen können.

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Ja, natürlich zeigte man sich in kleinen lustigen Einspielern auch als fehlbar. Allerdings nicht indem man eigene Falschmeldungen thematisierte, sondern Rechtschreibfehler zeigte oder wie man mal der frisch gekürten Fränkischen Weinkönigin einen falschen Namen übers Foto schrieb. Das mag ganz amüsant gewesen sein, aber hatte nichts mit Selbstkritik zu tun.

Aber machen wir es mal konkret. Ich behaupte folgendes, eine Aussage, hinter der ich stehe:

Den nationalen Mantel der Main Post kann man getrost gleich ins Altpapier werfen. Was deshalb schlimm ist, weil sich die Zeitung dafür eine eigene Redaktion hält. Wer sich aber ernsthaft für Nachrichten aus dem Bereich Politik, Deutschland oder der Welt interessiert, sollte sich lieber eine anständige Alternative wie die FAZ, Welt oder Süddeutsche abonnieren.

Ist das schon ein Hasskommentar, nur weil ich Teile der Main Post zu besserem Altpapier erkläre ohne jetzt eine ausführliche Begründung zu liefern? Wird aus dieser Kritik erst eine berechtigte Kritik, wenn ich über einige Monaten hinweg eine ausführliche Medienanalyse betreibe? Muss ich die Main Post etwa für eine gute Zeitung halten, nur weil ich keine Wahl habe?

Nebenbei bemerkt: In der Tat habe ich es mir angewöhnt immer die örtliche Zeitung zu kaufen, wenn ich unterwegs bin. Und unter uns, es gab ein oder zwei schlechtere Varianten von Regionalzeitungen, die meisten waren aber deutlich besser.

Insgesamt konnte ich mich nach diesem Abend nicht gegen den Eindruck wehren, dass es Früher nicht nur weniger Hasskommentare gab, sondern auch die Haut – oder besser die Kritikfähigkeit – der hiesigen Journalisten dicker war. Es ist nicht gut, wenn Journalisten Kritik nur dann wahrnehmen, wenn sie frei von emotionalen Einschübe ist und man dem Verfasser anmerkt, ein Germanistikstudium absolviert zu haben. Denn seien wir mal ehrlich, das Herumreiten auf Rechtschreibfehlern in Kommentaren oder Leserbriefen, sagt nicht nur etwas über deren Verfasser aus, sondern auch über die Hochnäsigkeit jener, die glauben damit andere amüsieren zu müssen. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt mit vier Fingern auf sich selbst, hätte dementsprechend auch eine Lektion sein können, die die anwesenden Journalisten auf der Bühne vielleicht einmal beherzigen könnten.

Und nochmal nebenbei bemerkt: Die Zahl der anwesenden Main Post-Mitarbeiter im der Location wegen eher kleinem Publikum, war durchaus beachtlich.

So blieb bei mir nach diesem Abend durchaus ein gemischtes Gefühl. Aber ich bin ja auch so ein kleiner arroganter Scheißer, der sich einbildet noch die Fähigkeit zur Selbstkritik zu haben.