blog.matterne.eu

Frei nach dem alten Descartes: Ich blogge, also bin ich

blog.matterne.eu - Frei nach dem alten Descartes: Ich blogge, also bin ich

Menschenopfer sind out!

Schon faste Abraham nach dem Messer, um seinen Sohn zu schlachten, da rief der Engel des HERRN vom Himmel her: “Abraham! Abraham!”

Genesis 22, 10-11

Ich wurde neulich hier im Blog mal gefragt ob ich gute Einstiegsstellen für das Bibel lesen empfehlen könnte. Die Geschichte, in der Gott Abraham auf die Probe stellt, in dem er ihn auffordert seinen Sohn zu opfern, hätte ich wohl nicht empfohlen. Das ist so eine klassische Geschichte aus dem Alten Testament, die auf den ersten Blick eher abschreckt und ganz klar einen zweiten Blick erfordert.

Der zweite Blick wendet sich von dem geplanten Menschenopfer Isaak ab und legt den Schwerpunkt auf die Probe, auf die Gott Abraham stellt. Natürlich hat Er nie vor das Isaak wirklich opfern zu lassen, aber das weiß der gute Abraham ja nicht und so entschließt er sich schweren Herzens der Forderung Gottes zu folgen. Er besteht die Probe und erhält für sich und seine Nachkommen, die so zahlreich wie die Sterne werden sollen, die Zusicherung, das Gott ihnen beistehen wird. Das ist ziemlich viel und man könnte durchaus argumentieren, es ist auch eine ziemlich harte Probe wert. Aber auch diese Lesart, das muss ich zugeben, könnte bei dem ein oder anderen “Neuling” durchaus noch hochgezogene Augenbrauen erzeugen.

Christen machten weltweit Schluss mit den Menschenopferern

Mir gefällt daher auch immer der dritte Blick und eine weitere Lektion aus diesem Abschnitt der Bibel: Gott will keine Menschenopfer, jetzt nicht und in Zukunft auch nicht! Mit dem heutigen Blick wirkt das ganz selbstverständlich, aber im Kontext der Zeit war das eine der großen Errungenschaften des Monotheismus. Denn Menschenopfer waren in manchen Nachbarkulturen an der Tagesordnung und in anderen zumindest letztes Mittel, wenn es zum Beispiel mit der Ernte mal nicht lief. Selbst die als so überlegen empfundenen Griechen oder Römer waren von Menschenopfern nicht frei, so pflegte man in Rom schon mal zum Frühjahrsbeginn ein gallisches Pärchen lebendig zu begraben – als so eine Art religöser Dünger. Die in unserer Zeit romantisierten Kelten opferten auch fleißig Menschen und die Gründungsgeschichte der Hauptstadt der Akzteken, dem heutigen Mexico City, will ich hier gar nicht erzählen – viel zu blutig. Die Sympathien für die Menschenopferkulturenen Südamerikas kann man historisch kaum rechtfertigen, da mag Cortez noch so gewütet haben.

Zumindest damit machte Cortez Schluss, ebenso wie ein paar Jahrhunderte später die Briten dafür sorgten, dass auch der Hinduismus aufhörte Menschenleben zu fordern. Das mag die Verbrechen des Kolonialismus ebenso wenig relativieren dürfen wie Hexen- oder Ketzerverbrennungen, aber man sollte es einmal erwähnen.

Buchkritik: Corpus Delicti – Ein Prozess

Die gängigen totalitären System haben stets den Mangel an Freiheit mit dem Gewinn an (vorgespielter) Sicherheit gerechtfertigt. Zumindest in Deutschland scheint man aber aus doppelter Erfahrung so weit zu sein, diese Rechnung nur noch mit dem Wirt zu machen. Da muss sich ein System schon etwas einfallen lassen, um die Menschen doch noch zu beherrschen. In Juli Zehs Roman “Corpus Delicti – Ein Prozess” hat sich das System durchaus etwas einfallen lassen. Dort herrscht es Gesundheit, statt Freiheit. Denn in einer Gesellschaft in der die Gesundheit das höchste Gut ist, kann Krankheit oder auch nur die drohende Krankheit nicht toleriert werden. Also greift der Staat kontrollierend ein und die treuen Mitläufer tun das ihrige.

Eine düstere Vision, in der der Wahn um die Gesundheit Medizin und Justiz verschmelzen lässt

Juli Zehs Roman ist eine düstere Vision, in der der Wahn rund um die Gesundheit Medizin und Justiz verschmelzen lässt. Es entsteht eine Gesellschaft die über ein allgemeines Rauchverbot hinaus geht, in der selbst eine kleine Zigarette wie eine echte kubanische Havanna in den USA genossen werden muss. Heißes Wasser, etwas was mir meine Mutter nur bei Verdauungsproblemen  empfiehlt wird zum neuen Kaffee der Menschen und mehr als ein Schuss Zitrone ist als Geschmack nicht erlaubt. Gesundheitliche Checks sind ebenso Pflicht wie die tägliche Runde auf dem Heimtrainer – und ein Blockwart sorgt noch dafür, dass die Hygienestandards auch ja eingehalten werden. Mit anderen Worten, jede Krankheit ist derart ausgerottet, dass sich schon eine Rote Armee Fraktion bildet, die ein Recht auf Krankheit fordert.

“Eine Weile schaute sie ins Wasser, das unaufhörlich vorbeizog, ohne am Fluss das Geringste ändern zu können.”

Juli Zeh in “Corpus Delicti – Ein Prozess”

Doch es gärt unter den Menschen, weil einigen eben doch bewusst wird, dass sie Gesundheit gegen Freiheit eingetauscht haben, statt ein Gleichgewicht zu suchen in dem zum Beispiel der Genuss in Maßen ein Faktor ist. Mia Holls Bruder war ein solcher Freigeist, dem die eigene Freiheit am Ende soviel wert war über sein Leben und seinen Tod selbst zu entscheiden. Aber erst nachdem ihm die METHODE, die die Herrschaft des System in Gesetze fasst und wie einst die Stasi den Methodenschutz zu ihrem Schutz geschaffen hat, vor Gericht brachte. Für ein Verbrechen, für das es Beweise gibt, die am Ende doch ein Irrtum sein könnten – es aber nicht sein dürfen. Für seine Schwester, die nach dem Selbstmord des Bruders in Depressionen versinkt und deshalb selbst als “Kranke” ins Visier der METHODE kommt – denn “Depressive haben einen zersetzenden Charakter”. Und als sie die Unschuld ihres Bruders, an die sie fest glaubt, beweisen will, da ist die METHODE und ihre Anhänger so tief verstört, dass sie auch wider besseren Wissens alles zum Schutz der METHODE unternimmt.

Diese Geschichte um die Freiheit kleidet Juli Zeh in einen literarisch wundervoll verfassten Roman, der nicht selten mit der Perspektive eines neutralen Beobachters den Leser tief ins Innere der Romanheldin eindringen lässt. Fast als hätte auch der Leser das Recht auf die Intimsphäre von Mia Holl zu verzichten, wie es die METHODE schon tut.

FACTS: “Corpus Delicti – Ein Prozess” von Juli Zeh – erschienen 2010 bei btb – ISBN 978-3-442-74066-6


Filmkritik: Doctor Who – Battlefield

Doctor Who - Eine Spur zu britisch?

Es soll Kontinentaleuropäer geben, die eine Menge Dinge an den Briten nicht verstehen. Ihre Angewohnheit auf der falschen Straßenseite zu fahren oder gerne auch mal einen Snickers zu fritieren. Oder warum sich die Briten über Jahrzehnte von Doctor Who begeistern lassen. Denn so wirklich Fuß hat der gute Doctor auf dem Kontinent – auch wenn sich mit der neuen Serie etwas verändert hat – nie wirklich. Zwar hatte schon früher der ein oder andere Privatsender versucht die BBC-Serie nach Deutschland zu bringen, aber wie RTL dann zum Beispiel mitten in der Nacht sprichwörtlich versendet. Wie gut, dass ich noch nie viel von Schlaf gehalten habe.

Solltes es übrigens in good old England eine Diskussion darüber geben, wer von den inzwischen insgesamt 11 Doctors (nur auf die BBC-Serie bezogen) der Beste ist, sollte das eigentlich klar sein: Es ist zweifellos der 7., gespielt von Sylvester McCoy. Und dementsprechend ordere ich auch nur von ihm und seiner Begleiterin Ace (Sophie Aldred) die DVDs bei Amazon.co.uk. So wie “Battlefield” zum Beispiel, einer Story die ich in Deutschland zuvor noch gar nicht gesehen habe.

Doctor Who aka. Merlin, der Zauberer

“Battlefield” greift tief in die Mythologie der britischen Insel, zurück in die Welt von Arthur und Excalibur und zieht sie in die Moderne. (Na ja, oder die 1980er Version der Moderne.) Und vielleicht zeigt das auch ganz deutlich auf den Grund, warum Doctor Who so lange eine rein britische Veranstaltung war. Die Serie ist einfach zu britisch, und erst die Neuauflage hat mehr auf den internationalen Markt (oder eigentlich den amerikanisierten Markt) abgezielt. Und auch mein Lieblingsdoktor ist letztlich vom Auftreten eher ein skurriler britischer Intellektueller, als ein intergalaktischer und interdimensionärer Timelord. Kurz um, ich habe das düstere Gefühl man muss schon ein bisschen anglophil sein, um schon seit Jahren Fan des Doctors zu sein.

Vorrangig geht es in “Battlefield” um Kampf und Ehre, für den ausgewachsenen Pazifisten Doctor Who natürlich eine kleine Herausforderung. Hintergründig spielt sich aber hier konzentriert das ab, was einige als Emanzipation der Companions, der Begleiterinnen des Doctors, die ebenso wie der Doctor selbst in den letzten 40 Jahren durchgewechselt haben, bezeichnen würden. Zwar wird die BBC nie auf die Idee kommen aus dem 12. Doctor vielleicht eine Frau zu machen, aber seit der guten Ace sind zumindest die Begleiterinnen keine kleinen Frauchen mehr, die eher schmücken, als zur Geschichte beitragen. Überhaupt ist “Battlefield” sehr weiblich geprägt. Nicht nur mit Morgana (sehr gut gespielt von Jean March) als Gegenspielerin des Doctors, der sich auch als Regeneration von Merlin herausstellt.

Am Ende ist der Doctor immer noch der Held

Am Ende ist der Doctor zwar immer noch der Held der Geschichte, aber eben nicht mehr ihre einzige tragende Person. Das macht die Handlung vielschichtiger und interessanter und es macht auch den Timelord menschlicher.

FACTS: Doctor Who – Battlefield (GB 1989) [UK-Import] – Regie: Michael Kerrigan – Darsteller: Sylvester McCoy, Sophie Aldred, Jean March, Angela Bruce, Nicholas Courtney