“Die Piratin geht von Bord”, titelt die Welt kompakt heute etwas melodramatisch, um im Interview Marina Weisband dann doch die Möglichkeit zu geben, die Headline zu widerlegen. Schließlich verlässt sie nicht die Piratenpartei, sondern will nur nicht wieder als Geschäftsführerin antreten. Nimmt man aber das Echo wahr, das diese Ankündigung ausgelöst hat, könnte man fast glauben, dass zumindest die große Lotsin der Piratenpartei von Bord geht. Neben dem großen Echo im Web, ist aber auch die Aufregung bei den klassischen Medien groß. Was verständlich ist, denn Marina Weisband ist als Aushängeschild der Piratenpartei – jung, hübsch, klug – derart perfekt, dass sie dereinst in so manches Lehrbuch in Journalistenschulen eingehen wird. Davon haben freilich beide profitiert, die Medien und die Piraten – das auch Marina Weisband selbst davon profitiert hat, möchte ich jetzt nicht ausschließen, sicher bin ich mir da aber nicht.

Das sie jetzt kürzer treten will, weil sie das Amt “ausgelaugt” hat, spricht wohl eher dagegen. Aber das sie kürzer treten will und sich auch auf das Abschließen ihres Studiums konzentrieren will, spricht nicht nur für Marina Weisband selbst, es legt auch nahe, dass bei manchen Punkten die Politiker der Piraten Anspruch und Wirklichkeit durchaus unter einen Hut bringen können. Zum Beispiel in einem völlig anderen Politikverständnis, das dem Typus des Berufspolitikers in unserer Parteiendemokratie nicht mehr entspricht. Die Eigenschaft kürzer treten zu können, ohne Druck von außen, einfach nur aus eigener Erkenntnis, dürfte unter den deutschen Politikern selten vertreten sein. Auch nicht bei der jungen Garde der Nachwuchspolitiker von CDU, SPD, Grünen usw. usf. Das es auch anders geht, hat irgendwie etwas beruhigendes, oder? Das Motto dieses neuen Politikertypus könnte lauten: Ich gehe in die Politik, um etwas zu verändern, nicht, um mich verändern zu lassen.
“Das ist kein Ausstieg. Im Gegenteil. Ich glaube, dass ich danach politisch noch mehr arbeiten kann und beitragen kann als jetzt, weil dieses Vorstandsamt in der basisdemokratischen Piratenpartei allein ein Verwaltungsamt ist.”, Marina Weisband (Quelle: welt.de)
Die mediale Reaktion zeigt aber noch etwas zweites, was durch die Piraten neu in die Politik zu kommen scheint – etwas, was zuvor nur bei den frühen Grünen vorhanden war, aber durch ein sinnfreies Ämter- und Mandats-Wechsle-Dich-Spielchen absurd geworden war: Die nicht vorhandene Bedeutung politischer Parteiämter.
Basisarbeit in der Fußgängerzone ist medial nicht interessant
Viel der medialen Aufregung um Marina Weisbands Ankündigung nicht mehr als für ein Parteiamt kandidieren zu wollen, liegt an den komplett unterschiedlichen Sichtweisen der beiden. Für Marina Weisband ist das Amt der Bundesgeschäftsführerin ein organisatorisches, kein politisches. Wenn sie als demnächst das Amt nicht mehr Inne hat, muss sich einfach nur nichts mehr organisieren. Für die Medien ist das Parteiamt aber in erster Linie etwas politisches, ein Gesicht, in dessen Bildunterschrift oder Bauchbinde man “Bundesgeschäftsführerin” eintragen kann. Am engagierten Politiker an sich, hat man wenig Interesse – davon gibt es einfach zu viele und ihnen zuzusehen, wie sie an Ständen in der Fußgängerzone Basisarbeit leisten ist kaum medial vermarktbar.
Geht es um die Piraten, ist schnell das Klischee von der Internetpartei zur Hand. Das Klischee lässt sich aber auch gegen die Medien wenden, die es noch gerne verbreiten. Im Umgang mit der Ankündigung von Marina Weisband kürzer zu treten, scheinen sich manche ebenso schwer zu tun, wie mit dem Internet. Man versteht es eigentlich nicht, aber man weiß, irgendwie muss man was damit zu tun haben.