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Frei nach dem alten Descartes: Ich blogge, also bin ich

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Filmkritik: I’m not a F**king Princess

Filmkritik: I'm not a F**king Princess

Es ist nicht leicht bei einer Kritik über Eva Ionescos autobiographischem Film “I’m not a F**king Princess” einen Einstieg zu finden. Es gibt nämlich zu viele davon.

Beginnt man mit der Frage, was darf Kunst und wo ist gerade in der Erotik die Grenze zu ziehen. Sind Fotos kleiner Mädchen nicht pädophil, wenn man ihnen das Label “Kunst” aufdruckt? Es ist schon das ein oder andere Jahr her, als die rumänisch-französische Fotografin Irina Ionesco der Weltöffentlichkeit diese Frage stellte – und immer wieder auch Nacktfotos ihrer 11-jährigen Tochter veröffentlichte.

Mehr als 30 Jahre später legt die Tochter einen autobiographischen Film vor, der diese Kunst als das brandmarkt, was es ist: Missbrauch Nicht allein sexueller Missbrauch, eher psychischer Missbrauch. Eine bizarre Mutter-Tochter-Beziehung, in jeglicher Hinsicht. Als eine Art pervertierte Eislaufmutter lebt die Mutter, mittelmäßig talentiert, auf, als sie mit den Fotos von ihrer Tochter zu Ruhm kommt – obwohl sie doch behauptet, sie wolle damit ihre Tochter berühmt machen. Doch saugt sie ihr wie ein Vampir das letzte Blut der Kindheit aus, wie eine Art fotografierende Elisabeth Báthory. Ihr Erfolg basiert allein auf der Tochter, der sie zugleich die gesamte verpfuschte und vergewaltigte Familiengeschichte wie eine Bürde weitergibt.

“I’m not a F**king Princess” ist schonungslos realitätsnah. Auch dank Isabelle Huppert als manisch-wahnhaft-depressive Fotografin, die als Mutter nur noch in der Lage ist ihre Tochter als Objekt für den eigenen Erfolg lieben zu können. Vor allem aber auch dank Anamaria Vartolomei als zuerst verführte und sich dann des Missbrauchs bewusst werdende Tochter. Beide für sich allein liefern eine hervorragende schauspielerische Leistung ab, im Paar allerdings lassen sie ihr Spiel zu etwas werden, was man selbsten im Film zu sehen bekommt: zu Realität – Freilich, eine sehr bedrückende Realität, die den Zuschauer nachdenklich zurück lässt, mehr als das.

FACTS: “I’m not a F**king Princess” (Frankreich, Rumänien 2010) – Regie: Eva Ionesco, Anamaria Vartolomei, Denis Lavant

Buchkritik: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Buchkritik zu "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge

Der Buddenbrook-Roman der DDR ist auf dem Buchumschlag von “In Zeiten des abnehmenden Lichtes” zu lesen. Aus der Kritik in der Zeit ist dieser kleine Satz entnommen und wahrscheinlich entspricht er tatsächlich der Wahrheit. Autor Eugen Ruge ist tatsächlich ein kleines Meisterwerk gelungen, nur vielleicht nicht ganz eine Neufassung der Buddenbrooks, dazu ist der Roman zu menschlich.

“Den letzten Satz, den Kurt zusammenhängend hatte sagen können war: Ich habe die Sprache verloren.”

Ruge beginnt seine Familiengeschichte über vier Generationen mit dem Ende, als die DDR, die von der ersten Generation mit aufgebaut wurde, schon nur noch ein Eintrag in den Geschichtsbüchern ist und die dritte Generation, Alexander, von seiner russischen Mutter Sascha genannt, gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde – in der Gewissheit, das seine Tage gezählt sind. Sein Vater, einst ein Intellektueller in der DDR, scheint nur noch eine lebende Leiche zu sein – die Demenz hat ihm im Griff. Doch die Vergangenheit scheint allgegenwärtig, Alexander sucht sie dort, wo einst alles begann: im mexikanischen Exil seiner Großeltern.

 Man kann allerdings nicht behaupten, dass Eugen Ruge eine Geschichte der DDR niedergeschrieben hat. Der real existierende Sozialismus im letzten Jahrhundert bietet kaum mehr als die Kulisse für eine Familiengeschichte, wie sie sich überall hätte abspielen können. Mit all ihren Höhepunkten und mit all ihrer Tragik. Es ist ein Blick ins Innerste von dem, was wir so schön als die Keimzelle unserer Gesellschaft bezeichnen. Eine Keimzelle in der aber so manche Eltern ihre Kinder nicht verstehen und Kinder ihre Eltern nicht. Eine Welt in der die Elterngeneration die Großeltern für sonderbar hält und sich nicht bewusst machen will, dass die eigenen Kinder in vergleichsweise wenigen Jahren zu genau dem selben Schluss kommen werden. Der Kern dieses großartigen Romans ist nicht das Leben, Erwachsenwerden und Sterben während einer weiteren längst noch nicht verarbeiteten Epoche der deutschen Geschichte, sondern das Familienleben an sich.

Das alles schreibt Ruge in einer offenen und teils auch schonungslosen, aber nie ungerechten und humorfreien Art und Weise nieder. So das man ihm von Seite zu Seite folgt und mit ihm durch die Jahre springt, um sich am Ende zu fragen … und wie geht es weiter?

FACTS: “In Zeiten des abnehmenden Lichts” von Eugen Ruge – 1. Auflage 2011 erschienen im Rowohlt Verlag – ISBN 978-3498057862

Filmkritik: Let me in

Filmkritik: Let me in

Man kann über Stephen King sagen was man will, aber wenn er “Let me in” als den besten amerikanischen Horrorfilm der letzten 20 Jahre bezeichnet, dann ist diese Meinung nicht ganz von der Hand zu weisen. Nach meiner Sichtung bin ich durchaus geneigt dieser Einschätzung zu folgen, denn – obgleich ein Remake – ist “Let me in” ein kleines Meisterwerk der Filmgeschichte geworden- vor allem natürlich dank seiner beiden jungen Hauptdarsteller.

Über alle Maße gelobt wurde natürlich Chloë Grace Moretz für ihre Rolle als Vampirin Abby, die im gleichen Jahr auch das Hit Girl in Kick-Ass gab. Nicht minder großartig aber auch der australische Jungschauspieler Kodi Smit-McPhee, der nur auf den ersten Blick wirkt, als hätte Hilary Swank schon als Kind “Boys don’t cry” schon einmal gedreht.

In der Tat würde ich sogar sagen, dass der größte schauspielerische Augenblick in diesem Film tatsächlich Kodi Smit-McPhee zugeschrieben werden muss. Jener Moment, in dem er schon hinter das Geheimnis seiner Freundin gekommen ist, ein Foto von ihr und ihrem “Vater” in den Händen hält und begreift, dass auch dieser einmal ein kleiner 12-jähriger Junge gewesen war, als er Abby zum ersten Mal traf. Grandios, mehr kann man dazu nicht sagen. Natürlich ist seine Rolle dort längst eingefangen und die beiden Außenseiter sind längst aneinander gebunden.

Vielleicht ist der Film ja auch gerade deshalb so großartig, weil es eben nicht nur eine längst überfällige Neubelebung des Vampirfilms ist, sondern die Genregrenzen sprengt und weit mehr ist. Es ist auch ein Jugenddrama, eine Geschichte über die Außenseiter in unserer Gesellschaft, über deren Ausgrenzung wir so gefließentlich hinwegsehen, weil wir entweder zu feige sind oder zu bequem, um einzugreifen. Und in der Realität wissen so manche Außenseiter eben nicht sie selbst zu helfen wie Abby und Owen in “Let me in”.

FACTS: Let me in (USA/UK 2010) – Regie: Matt Reeves – Darsteller: Chloë Grace Moretz, Kodi Smit-McPhee, Richard Jenkins, Elias Koteas

Wie demokratisch sind die Piraten?

Grafik: Gerd Altmann / pixelio.de

Der durchschnittliche deutsche Politiker versteht gerade die Welt nicht mehr. Seit er gewählt werden kann, schwirren Berater um ihn herum, die ihm mantraartig vorbeten: Kompetenz – Kompetenz – Kompetenz Auch wenn man von den Auswirkungen des kubanischen Bruttoinlandsproduktes auf den Diamantenhandel zwischen Namibia und den Niederlanden keine Ahnung hat. Wichtig ist es, so kompetent zu wirken, als hätte man Ahnung. Tja, und dann kommen da die Piraten mit ihrem durchaus sympathischen Zug, einfach auch mal zu sagen: “Nö, hab mir darüber noch keinen Kopf gemacht. Und was ist eigentlich ein Bruttoinlandsprodukt?” Trösten mag den durchschnittlichen Politiker dann aber die Tatsache, das er bei den Piraten eh nichts werden könnte, zumindest nicht wenn er unter der landläufigen Marke “Machtpolitiker” seinen Job machen will. Denn auch wenn die Medien langsam aber sicher daran arbeiten einer Handvoll Piraten eine gewisse mediale Popularität zu verschaffen, im Konzept der Partei ist solches nicht vorgesehen:

“Wir wollen Schwarmintelligenz, statt Köpfe!”,
Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei

Jetzt könnte man das auch als sympathisch betrachten, ich persönlich finde es aber eher gefährlich. Nicht nur weil “Schwarmintelligenz” mal so was von Nullerjahre ist, sondern weil sie in der Politik nichts zu suchen hat. Der Schwarm ist gut um Wikipedia zu dem zu machen was es ist, wenn der Schwarm diesbezüglich auch erschreckend klein ist.

Man mag meinen, Demokratie bedeutet, das Volk stimmt (direkt oder indirekt durch seine Vertreter) über etwas ab und was die Mehrheit bekommt, das wird dann gemacht. Ich persönlich neige da eher zu der Meinung von Thomas Jefferson – also mit Ausnahme seiner Vorliebe für die Sklavenhaltung. Demokratie ist dazu da Rechte und Pflichten jedes einzelnen zu schützen. Eine Demokratie funktioniert nicht dann, wenn die Mehrheit immer Recht hat, sondern wenn die Minderheit von dieser Mehrheit nicht unterdrückt wird. Und Schwarmintelligenz ist nichts anderes, als die Diktatur einer Mehrheit.

Und ich bin der festen Überzeugung, das zum Beispiel in Fragen der Ethik und Moral die Mehrheit wahrlich nicht immer im Recht sein dürfte. Klassisches Beispiel ist immer die Frage nach der Todesstrafe, man kann es aber zum Beispiel auch auf die Frage nach (sogenannten) Killerspielen herunterbrechen oder die Frage ob künftig überhaupt noch geraucht werden darf, oder – oder oder. Wenn dann so eine Mehrheitsentscheidung getroffen ist, taugt der Schwarm reichlich wenig. Dann werden es einzelne Köpfe sein, das Individuum, das seine Stimme erhebt und gegen die Mehrheitsdiktatur argumentiert.

Dahinter steckt ein kluger Kopf, so wirbt seit einiger Zeit die Frankfurter Allgemeine Zeitung, und es sind tatsächlich die klugen Köpfe die uns in der Geschichte immer wieder vorangebracht haben. Eine Idee, sei es das Rad oder der Toaster, entstand nicht in einem Schwarm, sondern im Kopf eines Individuums. Und es waren kluge Köpfe, die gegen Diktatoren aufgestanden sind, denen der Schwarm im Wesentlichen gefolgt ist.