
Buchkritik: Tokio, besetzte Stadt
Ein Mann betritt eine Bank und gibt sich als Arzt aus. Die Ruhr sei im Viertel mitten im Tokio kurz nach dem 2. Weltkrieg ausgebrochen und die Angestellten müssten sich sofort impfen lassen. Kurz darauf sind 12 von ihnen tot, vier überleben knapp und der falsche Arzt hat sich als Bankräuber entpuppt.
Ein wahres Verbrechen. David Peace erzählt diese Geschichte wie einen alt-europäischen Briefroman nach einer alten japanischen Erzähltradition für Gespenstergeschichten. Zwölf Kerzen brennen und jede Kerze steht für eine Geschichte, eine eigene Geschichte und dennoch dieselbe Geschichte. Und nicht wenige der Erzählenden kommen gleiten ab in den Wahnsinn.
“Sie wollen die Wahrheit wissen? Entscheiden Sie sich! Was wollen Sie wissen: Was passiert ist oder was die Wahrheit ist? Was meinen Sie damit, das sei doch dasselbe? Natürlich nicht! Ich kann glauben, dass etwas passiert ist, aber das macht es noch nicht zur Wahrheit …”
Recht realistisch, denn Peace schreibt – auch in der äußeren Form der Buchstaben – so realistisch den Wahn herbei, dass es dem Leser nicht nur aufgrund des Inhaltes manchmal schwer fällt dem Autor in diese okkulte und düstere Welt des zerstörten Tokios nach dem Krieg zu folgen. Eine Realität, die nicht nur des Massenmords an den Bankangestellten wegen brutal und tödlich ist, sondern auch der Geschichte der Einheit 731 wegen, die im 2. Weltkrieg im besetzten China eine “Tötungsfabrik” betrieb. Eine Geschichte, die den Mord an den Bankangestellten, wie einen Nebenschauplatz aussehen lässt.
Es ist kein besonders schönes Buch, noch weniger mit dem Blick darauf, das es auf wahren Begebenheiten beruht. Aber es ist ein verdammt gutes Buch, schwere Kost, aber brillant geschrieben. Nur ein Happy End darf man nicht erwarten, das kann jetzt schon verraten werden, denn auch im wahren Leben gab es für niemanden ein Happy End – außer vielleicht für den Täter. Aber so ist das halt im Leben …
FACTS: “Tokio, besetzte Stadt” von David Peace – ISBN 978-3-453-67532-2


















