blog.matterne.eu

Frei nach dem alten Descartes: Ich blogge, also bin ich

blog.matterne.eu - Frei nach dem alten Descartes: Ich blogge, also bin ich

Comickritik: Caligula – oder: Warum wir das Böse entmenschlichen

Das Böse. Allein diese zwei Worte lassen manchen schon erschauern. Zurecht, denn das Böse sollte uns fremd sein, weit weg, man will nichts damit zu tun haben. Das Böse ist nicht menschlich, weil sonst jeder Mensch böse sein könnte. Zumindest aber ist das Böse unnormal, verrückt. Menschen, die im gesellschaftlichen Kontext böse sind, sind nicht selten auch mit dem Stempel “Verrückt” versehen. Der Gedanke zum Beispiel, dass Adolf Hitler ein Mensch wie du und ich war, ist uns regelrecht unerträglich. Wir möchten nichts damit zutun haben, das Böse ist nicht menschlich.

Auch der römische Kaiser Caligula gilt als solch ein Schurke in der Geschichte, Nicht-Lateinern spätestens durch den gleichnamigen Film bekannt geworden. Dabei ist die Reihe der römischen Kaiser nicht gerade arm an solchen Bösewichten, nicht bei jeder Krönung hat Rom einen Marc Aurel hervorgebracht. Im Kreise eines Neros und anderer dürfte Caligula wohl eher eine Art Primus inter pares gewesen sein – geschichtlich betrachtet.

 Historischer Anspruch ist freilich in Comics eher selten, auch wenn es löbliche Ausnahmen gibt. “Caligula” von David Lapham und German Nobile freilich zählt nicht zu jenen Ausnahmen. Sie treten mit dem Anspruch an, in gewisser Weise die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen – und in dieser Geschichte ist Caligula eben kein Mensch. Fast schon beruhigenderweise stellt das der junge Römer Junius, als er Caligula aus Rache ein Schwert in den Kopf rammt – was den römischen Kaiser nicht weiter zu beeindrucken scheint. Im Gegenteil, er holt den jungen Mann, dessen Familie er mit seinen Speichelleckern abgeschlachtet hat, zu sich in den Palast nach Rom.

Würde ich mich auch so verführen lassen?

Schon zum Zeitpunkt dieses gescheiterten erfolgreichen Attentats wird dem Leser klar, dass die Autoren es auch diesmal nicht ertragen, einen Mann, den sie als das absolut Böse zeichnen, den Status Mensch zu zuerkennen. Einfach aus der Angst, das jeder von uns so auf die dunkle Seite abtriften könnte, ohne Grenzen seine Macht auszuüben und keinerlei Konsequenzen befürchten zu müssen. Man müsste sich ja die Frage stellen, würde ich mich auch so verführen lassen? Würde ich meine dunkelsten Gedanken, die ich mir selbst nicht eingestehen möchte, ausleben, wenn ich es könnte und keine Konsequenzen zu fürchten hätte? Solche Fragen machen uns Angst, vielleicht aber nicht halb so viel Angst, wie die Antworten.

Im Comic – zurecht übrigens empfohlen ab 18 Jahren – “Caligula” drückt man sich vor diesen hässlichen Fragen. Hier rettet ein Dämon, der in den Kaiser gefahren ist, den Leser vor den Antworten. Es ist ein Dämon, der unmenschlich handelt und nichts zu fürchten hat, als die neue Religion eines ein paar Jahre zuvor in Jerusalem gekreuzigten Judens, der wie seine Anhänger glauben wieder auferstanden ist.

FACTS: “Caligula” von David Lapham und German Nobile – erschienen 2012 bei Pannini Comics - ISBN: 978-1592911622

Kategorie: Philosophie


Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*