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Frei nach dem alten Descartes: Ich blogge, also bin ich

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Mensch bleiben – Mensch sein lassen

Vor ein paar Jahren lief mal auf RTL die Polizeiserie Die Wache, deren Leiter das Motto predigte: “Mensch bleiben” An dieses Motto musste ich in letzter Zeit immer mal wieder denken, auch in einer kleinen Abwandlung: “Mensch sein lassen”

Die Anlässe haben sich ein bisschen gehäuft und ich stelle mir inzwischen ernsthaft die Frage, ob mein Toleranzspektrum im Alltag nicht etwas zu weit ist. Konkretes Beispiel: Auf dem Weindorf hatte eine Kellnerin nicht alles wirklich im Griff, sie war nicht wirklich überfordert, aber eben auch nicht perfekt. Während andere schon mal spitze Bemerkungen abgaben war ich eher der Meinung, jetzt mal drüber hinwegsehen, ist ja noch nichts verloren. (Und wenn eine Butterbreze am längsten braucht, kann das ja auch Gründe haben. :-) )

Aber um diesen konkreten Fall geht es mir gar nicht, es geht er um die Tatsache, dass zum Mensch bleiben eben auch dazugehört den anderen Mensch sein zu lassen. Und dahinter steckt die grundsätzliche Erkenntnis, dass niemand perfekt ist. Jeder – möge er auf den ersten Blick auch noch so optimisiert erscheinen – hat seine physischen oder psychischen Macken, die gehören zu ihm, sonst wäre er kein Mensch. Doch während man seine eigenen kleinen Macken oft gar nicht als solche erkennt, ist man stets auf der Suche nach den Macken des anderen – und hat man sie erst einmal gefunden gilt es sich darüber aufzuregen und am besten gleich Gegenmaßnahmen zu treffen.

Einfach mal drüber reden

Kleiner Kinder sind dann noch am menschlichsten, sie sagen einfach was sie stört. Doch scheinbar sorgt die zunehmende Vergesellschaftlichung dafür, das dieses direkte Ansprechen immer mehr abnimmt. Schon in der Schule tuschelt man lieber mit den Mitschülern oder geht zum Lehrer, später sind es die Kollegen und der Abteilungsleiter. Die Gesellschaft überlässt das direkte Ansprechen den Couragierten. Dabei würde das die einzige Möglichkeit bieten die Sache zu klären, Missverständnisse auszuräumen und für Verständnis zu sorgen – oder meinetwegen auch für Änderungen, denn manches was wir am anderen störend finden, ist diesem vielleicht nicht bewusst oder stört ihn selbst. Der gesellschaftliche konforme Weg allerdings scheint mir dies nicht zu sein, statt dessen zieht man andere mit hinein und sorgt für schlechte Stimmung.

Doch in den meisten Fällen sehe ich darin wie angedeutet nur die zweitbeste Lösung. Ich würde lieber in einer Gesellschaft leben, die Abweichung von der Norm – die es in ihrer Reinform ja übrigens gar nicht gibt – nicht als unnormal und beseitigungswürdig ansieht. Ich würde lieber in einer Gesellschaft leben, die störenden Dingen an anderen mit Toleranz begegnet. Nobody is perfect, und niemand sollte das von seinem Gegenüber erwarten.

So, und das war sie also, meine Wunschvorstellung des Tages …….. schade eigentlich.

Warum “die Falschen Kinder bekommen”

Wer sich ein wenig mit der Geschichte des Liberalismus beschäftigt, wird eine merkwürdige Überraschung erleben.  Der Begriff “Neoliberalismus” ist keine Erfindung unserer Tage, es gab ihn schon einmal. Einst verstanden sich Neoliberale als Korrektiv zum Manchesterkapitalismus. Heute, und darin liegt eine bittere Ironie, ist das Wort nur noch ein Synonym für die Vorstellungen der ungebremsten Macht der Wirtschaft und den blinden Glauben an eine unsichtbare Hand, die in der Praxis eher eine untätige Hand geworden ist.

Wer mir meiner ganzen Bloggerkarriere treu gewesen ist, der wird sich sicher erinnern, dass auch ich mal Sympathien für die FDP hatte – bevor sie zur reinen Steuersenkungspartei wurde. Diese Zeiten waren aber schon vorbei, als Daniel Bahr in seiner Parteikaderlaufbahn zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte. Lange bevor er als Gesundheitsminister so tun konnte, als würde er irgendetwas gegen EHEC unternehmen können, war er vor allem für einen Satz bekannt: “Bei uns bekommen die Falschen die Kinder.”

Ein ziemlich dummer Satz, der mir übrigens gerade in einem klugen Buch von Katja Kullmann (Besprechung folgt) wieder über den Weg gelaufen ist, weil wir erst einmal feststellen müssen, es gibt keine falschen Menschen. Zugegeben, in Einzelfällen schon, aber ganze Gruppen als falsch zum Kinder kriegen zu erklären, zeugt doch von einem recht rassistisch bis misantropischen Menschenbild.

Aber tun wir doch mal so, als ob an Bahrs Aussage was dran ist. Dafür müssen wir zwei Dinge annehmen: 1) Wir reden von HARTZ IV-Empfängern und dem was man so schön als Prekariat bezeichnet. 2) Bahrs Aussage ist in irgendeiner Form statistisch untermauerbar, was längst nicht der Fall ist.

Warum bekommen dann Hartz IVler mehr Kinder als die anderer Gruppen in der Gesellschaft. Zynisch könnte man sagen, weil sie im Gegensatz zu anderen so etwas wie Planungssicherheit haben. Sie wissen, ihre Kinder werden nicht in Luxus schwelgen, aber die Finanzierung ist, wenn auch auf niedrigen Niveau, sicher. (So wie es Blüms Versprechen von der Rente nie sein wird.)

Die Richtigen unterdessen haben keinerlei Planungssicherheit mehr, sie kommen mit Schulden aus dem Studium und wenn nach diversen schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika endlich der erste befristete Vertrag unterschrieben ist, hat man Planungssicherheit für ein geschlagenes Jahr. Flexibilitäts- und Mobilitätserfordernisse hab ich noch gar nicht erwähnt. Nur wer den richtigen Background hat, kann in Bonn geboren werden, in Bonn Jura studieren, in die Bonner Kanzlei seines Vaters eintreten und nur weil ihm ein paar Millionen Ostdeutsche dazwischen gefunkt haben muss er dann von Berlin aus seine Geschäftsreisen antreten. Dem von Westerwelle, eben jener Bonner, gewünschten Menschentyp bleibt so ein Luxus selten vergönnt. Der muss mit den befristeten Verträgen und der Flexibilität klar kommen, die kaum taugen eine Beziehung aufzubauen und noch weniger die Entscheidung zu treffen Kinder zu bekommen und zu erziehen.  Im Leben hat man offenbar die Wahl, entweder ein Homo oeconomicus nach Wunsch der FDP zu werden, oder eben Eltern.