Vor ein paar Jahren lief mal auf RTL die Polizeiserie Die Wache, deren Leiter das Motto predigte: “Mensch bleiben” An dieses Motto musste ich in letzter Zeit immer mal wieder denken, auch in einer kleinen Abwandlung: “Mensch sein lassen”
Die Anlässe haben sich ein bisschen gehäuft und ich stelle mir inzwischen ernsthaft die Frage, ob mein Toleranzspektrum im Alltag nicht etwas zu weit ist. Konkretes Beispiel: Auf dem Weindorf hatte eine Kellnerin nicht alles wirklich im Griff, sie war nicht wirklich überfordert, aber eben auch nicht perfekt. Während andere schon mal spitze Bemerkungen abgaben war ich eher der Meinung, jetzt mal drüber hinwegsehen, ist ja noch nichts verloren. (Und wenn eine Butterbreze am längsten braucht, kann das ja auch Gründe haben.
)
Aber um diesen konkreten Fall geht es mir gar nicht, es geht er um die Tatsache, dass zum Mensch bleiben eben auch dazugehört den anderen Mensch sein zu lassen. Und dahinter steckt die grundsätzliche Erkenntnis, dass niemand perfekt ist. Jeder – möge er auf den ersten Blick auch noch so optimisiert erscheinen – hat seine physischen oder psychischen Macken, die gehören zu ihm, sonst wäre er kein Mensch. Doch während man seine eigenen kleinen Macken oft gar nicht als solche erkennt, ist man stets auf der Suche nach den Macken des anderen – und hat man sie erst einmal gefunden gilt es sich darüber aufzuregen und am besten gleich Gegenmaßnahmen zu treffen.
Einfach mal drüber reden
Kleiner Kinder sind dann noch am menschlichsten, sie sagen einfach was sie stört. Doch scheinbar sorgt die zunehmende Vergesellschaftlichung dafür, das dieses direkte Ansprechen immer mehr abnimmt. Schon in der Schule tuschelt man lieber mit den Mitschülern oder geht zum Lehrer, später sind es die Kollegen und der Abteilungsleiter. Die Gesellschaft überlässt das direkte Ansprechen den Couragierten. Dabei würde das die einzige Möglichkeit bieten die Sache zu klären, Missverständnisse auszuräumen und für Verständnis zu sorgen – oder meinetwegen auch für Änderungen, denn manches was wir am anderen störend finden, ist diesem vielleicht nicht bewusst oder stört ihn selbst. Der gesellschaftliche konforme Weg allerdings scheint mir dies nicht zu sein, statt dessen zieht man andere mit hinein und sorgt für schlechte Stimmung.
Doch in den meisten Fällen sehe ich darin wie angedeutet nur die zweitbeste Lösung. Ich würde lieber in einer Gesellschaft leben, die Abweichung von der Norm – die es in ihrer Reinform ja übrigens gar nicht gibt – nicht als unnormal und beseitigungswürdig ansieht. Ich würde lieber in einer Gesellschaft leben, die störenden Dingen an anderen mit Toleranz begegnet. Nobody is perfect, und niemand sollte das von seinem Gegenüber erwarten.
So, und das war sie also, meine Wunschvorstellung des Tages …….. schade eigentlich.
