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Frei nach dem alten Descartes: Ich blogge, also bin ich

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Buchkritik: Ansbach in alten Ansichten

Buchkritik: Ansbach in alten Ansichten

Wenn ich erzähle, wo ich studiert habe, spielt sich in regelmäßigen Abständen ein kleines Ritual ab. Denn nicht selten muss ich aufgrund des Gesichtsausdrucks meines Gegenübers den Satz nachschieben: „Ja, in Ansbach kann man studieren.“ Und nach meiner Erfahrung kann man das sogar ziemlich gut, denn wenn dereinst noch mehr Studenten an die dortige Hochschule streben, könnte Ansbach eine richtige kleine Studentenstadt werden. (Freilich war zu meiner Zeit die Verkehrsanbindung ins benachbarte Nürnberg auch nicht ganz unwichtig.)

Die Ansichten, meist Postkarten, die Adolf Lang, damals Stadtheimatpfleger, über Ansbach in seinem kleine Büchlein gesammelt und kommentiert hat, sind freilich noch das ein oder andere Jahr älter. Genauer gesagt stammen entstanden sie alle um das Jahr 1900 herum. Einer Zeit also, die so mancher gerne noch als die gute alte Zeit bezeichnen würde.

Ob das auch ein bisschen daran liegen mag, dass zu dieser Zeit Postkarten und Fotografie zum ersten Mal ein wirkliches Massenphänomen wurden?

Das obligatorische Nein zu der Aussage „Früher war alles besser“ schreibt natürlich auch Adolf Lang in sein Vorwort, kommt aber nicht umhin die ein oder andere Bausünde brandzumarken. Im Allgemeinen hat er aber ein schönes kleines Büchlein vorgelegt, das ich in einem Würzburger Antiquariat gefunden habe, und das mich mit Blick auf meine Ansbacher Jahre doch recht nostalgisch gestimmt hat.

Wohl auch, weil Städte wie Ansbach zu jenen Orten gehören, die ihr Bild im Kern erstaunlich wenig verändern. Das mag manchem Einheimischen, oder vor allem manchem Rückkehrer, oft ganz anders vorkommen, aber die Grundsubstanz ändert sich eben nicht. Man kann es auch Flair nennen, im Fall von Ansbach eben der des Barock und Rokoko, der prägt und erhalten bleibt.

Natürlich gibt es aber auch „stilistische Fremdlinge“, wie Lang zum Beispiel die katholische Pfarrkirche St. Ludwig beschreibt, die sich in der Tat dadurch abhebt, dass sie ein Zeugnis der katholisch-bayerischen Zeit im einst protestantisch-preußischen Ansbach darstellt. Wobei ich persönlich immer fand, dass St. Ludwig mit seiner eleganten Schlichtheit irgendwie die bessere protestantische Kirche abgegeben hätte, statt ihrer wesentlich prachtvolleren evangelischen Kollegen. Aber vielleicht steckt da ja auch schon ein bisschen Nostalgie drin …

FACTS: „Ansbach in alten Ansichten“ von Adolf Lang – 2. Auflage, erschienen 1977 bei Zaltbommel (Niederlande)

Als ich mal in einer Vorlesung ausgerastet bin

Mit dem Alter, also wenn man mal über 30 ist, wird man bekanntlich nostalgisch. Dann sollte man einige Dinge nicht mehr tun, zum Beispiel in alten Fotoalben blättern – oder heutzutage alte Ordner auf dem Rechner durchsuchen. Aber man tut es eben doch immer wieder gerne.

Damals, unter der Decke mit Sabine - natürlich nur um einen TV-Beitrag zu vertonen.

Das obige Foto stammt aus einer alten Vorlesung an der Fachhochschule Ansbach, hieß Digitale Videotechnik (oder so ähnlich), war aber eigentlich die Produktion einer Fernsehsendung von Studenten. Gegeben wurde sie von einem freien Journalisten, der hauptsächlich fürs Bayerische Fernsehen unterwegs war. Ein gewisser Thomas K., gegen den Generationen von Studenten Sturm gelaufen sind, weil ihn keiner mochte. So ein Typ, der sich über mangelndes Privatleben beklagt und Vorlesungen auf den Tag vor Weihnachten legt und in Berichten für den (damals gab es ihn noch) Zeitspiegel Polizisten Sätze wie “Das war aber Kindesmissbrauch vom Feinsten” sagen lässt. Oder wie ich (un-)gerne gestehen muss, der einzige Dozent, bei dem ich mal um 21 Uhr oder so in der FH mal ausgerastet bin, weil soviel Unqualifiziertheit auch einfach mal nur wehtun kann.

Obwohl, so richtig Musterbeispiele für die journalistische Elite von morgen waren wir dann auch nicht. Bei Filmaufnahmen mussten wir nach einem halben Tag wieder von vorn anfangen, weil der Ton nicht da war – immerhin hatte es der Dozent versäumt uns die Kamera zu erklären. Und eine Schule in Ansbach wartet noch heute auf die Aufnahmen eines Theaterstückes einer türkischen Schülergruppe über Kaspar Hauser. Außerdem war unsere Straßenumfrage nicht selten gefakt. Der Inhalt hätte sein sollen, da muss erst eine türkische Schülergruppe kommen, um die Ansbacher daran zu erinnern, das Kaspar Hauser hier ermordet worden war. Weil aber erschreckend viele Ansbacher das dann doch wussten, blieb uns nichts anderes übrig, als Kommilitonen sagen zu lassen, sie hätten keine Ahnung wer das gewesen sei. Na ja, so läuft es halt im Business Fernsehjournalismus.

Und heute? Thomas K., der Dozent, gibt noch immer Seminare und arbeitet für den BR. Martina, Blondine Nr. 1 aus dem Team damals, arbeitet bei einem Verlag in München Merching. Was Sabine, Blondine Nr. 2, macht, weiß ich nicht – aber vielleicht dreht sie ja, das konnte sie damals recht gut. Und unsere Wenigkeit schlägt sich als unterbezahlter Online-Redakteur und Teilzeit-Media-Agenturler durch. Vielleicht sollte ich davon ein Foto machen, um mich dran zu erinnern, wenn ich wirklich steinalt bin – so mit 40 oder so.

Alles ändert sich, selbst in Ochsenfurt

(Fast) Alles ändert sich, auch in Ochsenfurt.

Wenn du wissen willst, wie die Zeit vergeht, dann musst du von zuhause weg ziehen und nur ein oder zwei Mal im Jahr zurückkehren. So zumindest geht es mir, wenn ich vor oder nach einem Familienbesuch durch Ochsenfurt spaziere. D. h. alles ändert sich dann doch nicht, denn die links stehende Fassade ist auch nach Beendung der Altstadtsanierung putzlos geblieben. Ach ja, ich erinnere mich noch an die Zeit, als da wirklich eine Metzgerei drin war. Danach kam eine Dönerbude, bis sie geschlossen wurde – entweder vom Gesundheitsamt oder der Polizei, so genau weiß ich das gar nicht mehr.

Vielleicht ist dieser kleine Schandfleck in der gerade frisch herausgeputzten Ochsenfurter Innenstadt aber auch so etwas wie ein früher Vorbote der aussterbenden Innenstadt. Denn wie in jeder Kleinstadt, scheinen auch hier keine Geschäfte mehr Geschäfte zu machen. Freilich beklagen sich auch die Ochsenfurter nicht selten darüber, aber eingekauft wird dann halt doch im Einkaufszentrum außerhalb der alten Stadtmauern. Ach, was waren das noch für glückliche Zeiten, als man im Tante Emma-Laden neben der Volksschule noch Süßigkeiten kaufen konnte. Auf der anderen Seite, wenn ich da an meine letzte Fototour durch Uffenheim zurückdenke, sind die Zustände in der Ochsenfurter Innenstadt noch ganz gut.

Kurzum, als ich heute so durch Ochsenfurt spaziert bin, einen Cappuccino in der warmen Oktobersonne getrunken habe, überkam mich schon ein bisschen Wehmut. Was recht merkwürdig ist, denn meine erste Veröffentlichung war ein Gedicht, das auf einer meiner Kurzgeschichten basierte, bei der es um den Ochsenfurt Bahnhof ging – dessen einziger Zweck es sei, auch Ochsenfurt wegzukommen. Aber wahrscheinlich ändert sich eine solche Einstellung, hat man erstmal die gute alte Jugendzeit hinter sich gelassen. Vielleicht ist es auf der anderen Seite auch nicht so erstaunlich, schließlich hat es mich aus Ochsenfurt heraus ja nie nach Berlin oder München gezogen, sondern ich wollte eigentlich immer nur nach Würzburg.

Anhang

Der Bahnhof

Jeder Bahnhof ist janusköpfig
Gleise führen in zwei Richtungen
Dort die Verheißung der Großstadt
Hier die Gebrochenheit der Kleinstadt

Jeder Bahnhof ist ein Sinnbild
Ein Sinnbild für seinen Standort
Moderne Gebäude, moderne Stadt
Verfallene Gebäude, verfallene Stadt

Jeder Bahnhof ist der Start der Reise
Doch kann er auch das Ende sein
Die Flucht aus der Kleinstadt
Die unangetretene Reise aus dieser Stadt

Jeder Bahnhof birgt ins sich Hoffnung
Doch sahen die Gleise mehr Enttäuschung
Hoffen in der lebendigen Großstadt
Leiden in der Enge der Kleinstadt

Ochsenfurt, 1999

Buchkritik: Amtlicher Führer der Stadt Würzburg

Bild: Paul Golla / pixelio.de

Bild: Paul Golla / pixelio.de

Manchmal findet man in Antiquariaten genau das, was man in ihnen sucht – Dinge aus vergangenen Zeiten. Na ja, fast zumindest. “Würzburg” steht schlicht über einen alten Stich aus dem 15. Jahrhundert und dahinter verbirgt sich der “Amtliche Reiseführer der Stadt Würzburg”. Ein kleines und schon ein bisschen vergilbtes Büchlein aus dem Jahr 1961. Also irgendwie doch schon aus vergangenen Zeiten. Denn Reiseführer wie dieser werden heute längst nicht mehr geschrieben.

Heute ist der handelsübliche Reiseführer ein auf Hochglanz getrimmtes Wegwerfprodukt, das dem Altpapiercontainer bestenfalls dann entrinnen kann, wenn es als zusätzliches Souvenir Gnade findet. Überfrachtet mit vielen bunten Bildern und einem Informationsgehalt, der kaum größer ist als der zugehörige Artikel über das Reiseziel bei Wikipedia. Und zwischendrin findet man noch so genannte Insidertipps, bei denen jeder Einheimische nur mit dem Kopf schütteln kann.

Ganz anders der hier vorliegende Reiseführer, ein rund 100 Seiten starkes, teils kleinbedrucktes Büchlein, dessen Informationsgehalt jeden noch so guten Stadtführer und -kenner etwas beibringen könnte. 1961 scheint der Tourist noch wissbegieriger gewesen zu sein, als heutzutage und mit dem “Amtlichen Reiseführer der Stadt Würzburg” konnte er seinen Wissensdurst bestimmt befriedigen.

… Laterne von Josef Greising (Wiederaufbau im Gange) ein Wahrzeichen der Stadt …

Auch heute könnte man mit diesem Reiseführer zweifellos noch durch Würzburg spazieren, wenn freilich auch (vor allem damals neue) reichlich Bauten nicht mehr vorhanden sind, so stimmen die historischen Elemente (auch wenn der Wiederaufbau inzwischen abgeschlossen ist) noch immer. Und als Würzburger ist es eine kleine Reise in die (von mir nicht erlebte) Vergangenheit, auf der man reichlich Neues über seine Heimatstadt lernen kann. So viel, das man dieses Büchlein glaube ich jedem Neu-Würzburger ins städtische Begrüßungspaket legen sollte.

Allein die Einleitung in die Würzburger Geschichte von Wilhelm Engel ist es wert diesen Reiseführer zu studieren, und Max von Freeden, der die vorliegende Auflage bearbeitete, hat als ehemaliger Leiter des Mainfränkischen Museums noch heute einen Namen mit Klang und Vertrauensvorschuss. Eigentlich schade, dass man den Reiseführer nur mit Glück als Zufallsfund in einem Antiquariat findet. Man sollte ihn wieder drucken, mit einem modernen Vorwort versehen und neu herausgeben.

Gibt die Stadt Würzburg heute eigentlich noch solche Reiseführer heraus? Weit besser als die quitschbunten Karten mit denen man die Touristen heute durch die Straßen wandern sieht, wäre es. Und ich bin mir sicher, der Stachel, das Bürgerspital oder manch anderer würde auch heute noch darin seine Werbung machen, wie damals 1961.

FACTS: Amtlicher Reiseführer der Stadt Würzburg – erschienen 1961 in der 6. Auflage bei der Universitätsdruckerei H. Stürtz AG, Würzburg

Filmkritik: Midnight in Paris

Midnight in Paris: 7 von 10 möglichen Punkten

Ich glaube ich habe es schon das ein oder andere Mal geschrieben, es gibt nur wenige wirkliche Konstanten in meinem Leben. Und zu diesen zählt zweifellos der alljährliche Film von Woody Allen. Unter uns, ich habe keine Ahnung wie sich mein Verhältnis zum Film ändern wird, wenn dieses große kleine Genie mal keinen Film mehr drehen kann. ”Midnight in Paris” heißt die Ausgabe in diesem Jahr und trotz eines weiteren Ausflugs nach Europa, hat Woody Allen wieder zurück in die Spur gefunden und einen Film vorgelegt, den ich nur absolut empfehlen kann.

Woody Allen schickt seinen Helden Gil Pender (Owen Wilson), einen erfolgreichen Drehbuchautor, aber doch auch ein verhinderter Schriftsteller, auf (Vor-)Hochzeit nach Paris. Dort schwärmt Pender von dem goldenen Zeitalter dieser Stadt, als sich hier in den 1920er Jahren die schreibende und malende Elite ihrer Zeit versammelte – und prompt wird Pender von einem alten Oldtimer aufgegabelt und der nächste Typ der ihm vorgestellt wird ist F. Scott Fitzgerald. Und da stehen sich gegenüber, der Drehbuchautor aus Hollywood, der gerne den großen Roman schreiben würde, und Fitzgerald, über den Hemingway (der kurz darauf auch seinen Auftritt hat) einst sagte, er sei der größte von allen, und der sich nach den Jahren in Paris doch als Drehbuchautor über Wasser halten musste.

Es ist wieder einer jener Filme von Woody Allen, in denen er Realität und Fantasie so perfekt verknüpft, dass es niemanden im Publikum auch nur eine Sekunde komisch vorkommen mag, dass sich von da an Pender jeden Abend Punkt Mitternacht ins Paris der Vergangenheit mitnehmen lässt. Es ist in der Tat eine Art Flucht in die Vergangenheit, weil die Gegenwart dem Helden scheinbar kaum mehr zu bieten hat, als ein gelangweiltes Leben mit halbwegs gutem Auskommen und einer Ehe, von der er weiß, dass sie nicht so das Wahre sein wird, aber immerhin noch weit besser als nichts. Wie viel aufregender kommen ihm da seine Ausflüge in jene Zeit vor, die für ihm das Goldene Zeitalter darstellt – bis er in den 1920ern eine Frau trifft, der es nicht anders geht – nur träumt sie sich zurück in die Belle Epoque.

Und damit hätten wir wohl auch schon die Moral dieses Films erzählt, die aber bei der amüsanten Geschichte fast schon verzichtbar ist. Und da Woody Allen selbst in seinen schlechten Filmen, wie z.B. “Vicky Christina Barcelona” immer das perfekte Händchen für das Ensemble hat, ist es am Ende des Films wieder einmal ein bisschen schade, dass man diese jetzt wieder verlassen muss.

Aber ich bin sicher, der nächste Woody Allen kommt bestimmt. Die 50., die wird er schon noch voll machen, und danach vielleicht an den endgültigen Ruhestand denken – vielleicht, hoffentlich aber nicht.

FACTS: Midnight in Paris (USA 2011) – Regie: Woody Allen – Darsteller: Owen Wilson, Marion Cotillard, Martin Sheen, Rachel McAdams, Léa Seydoux, Kathy Bates, Adrian Brody