Ich glaube es war Oscar Wilde, der schrieb ein Zyniker kenne von allen Dingen den Preis, aber von nichts den Wert. Manchmal glaube ich, Wilde traf mit dieser Aussage nicht wirklich den Punkt. Ich persönlich bin eher dazu geneigt, dass uns der Zyniker daraufhinweist, dass immer mehr Menschen für alles einen Preis haben, aber von nichts den Wert kennen. Durch den Preis gelang es dem Geld uns weiß zumachen, alles sei käuflich – auch die Gefühle.
Empathie im Zwischenmenschlichen wird damit überflüssig, sie ist ja käuflich und wenn man sich nur genug anstrengt, bekommt man sie auch noch genau dann, wenn man sie will. Das einzige Problem dieser Gleichung dürfte es sein, dass sie nicht aufgeht. Sie ist falsch. Und damit wären wir beim Grundthema von Wolfgang Schmidbauers großartigem Buch Das kalte Herz.
Anhand des gleichnamigen Märchens von Wilhelm Hauff nimmt Schmidbauer den Leser mit auf eine Reise durch die moderne Gesellschaft. Gekonnt seziert er unser System und zeigt auf, wie wir im Großen und im Kleinen immer mehr unser Geschenk der Empathie verlieren. Ein Geschenk, das in der nach der funktionierenden Maschine Mensch verlangenden Welt des Kapitalismus nur ein Störfaktor ist.
Über weite Strecken liest sich Schmidbauers Analyse auch wie ein Beleg für das Versagen der Evolution, die mit der menschlichen Entwicklung nicht mithalten kann. Der Homo Sapiens hat sich selbst eine Welt erschaffen, in der er nur noch mit Mühe existieren kann. Im Grunde ist unser Gefühlsleben noch auf jagen und sammeln ausgerichtet, aber die wenigsten von uns können noch als Jäger oder Sammler überleben. Vor einem wilden Tier konnte unser Vorfahr fliehen, vor einem tobenden Chef nicht. Um nur eines der Beispiele zu nennen.
Insgesamt ist Das kalte Herz ein ausgesprochen kluges Buch, dem es gelingt neben der Wissensvermittlung beim Leser auch selbst Gedanken in Gang zu setzen. Dabei legt der Autor – meist – sachlich ein Fundament, auf dem sich der Leser dann selbst sein eigenes Gedankengebäude errichten kann. Freilich aber mit dem Risiko, sich bewusst zu sein, wie schwach das Fundament manchmal ist.
Dabei packt Schmidbauer auch die heißen Eisen unserer Gesellschaft an, nicht nur wenn er darlegt, warum Abtreibungsgegner und -befürworter nie ihren Frieden machen können. Sachlich plädiert er auch für einen objektiven Umgang mit dem Thema Sterbehilfe, wo er sich freilich dennoch positioniert. Oder er weist daraufhin, dass jugendliche Amokläufer keine Profelierungsmöglichkeit für Politiker darstellen, sondern auch Seismographen für eine Emapathie verlierende Gesellschaft sind, in der sich manche nicht mehr anders zu helfen wissen.
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