“Es geht um die Kinder!” Wer könnte da widersprechen, schließlich geht es doch um die Kinder. Allein, auch Menschen, denen es um die Kinder geht, können sich in einem missionarischen Eifer verrennen und zum Beispiel ein Buch wie “Digitale Demenz” herausbringen, mit dem sie den eigenen Ruf als seriöser Wissenschaftler grundlegend schaden.
Nun, eigentlich ist das schlecht recherchierte, dafür aber umso populistischere Machwerk von Manfred Spitzer ausreichend durchgekaut worden. Zwar gibt es immer noch zahlreiche Leser, die seine einseitigen Thesen für realistisch halten, aber im Wesentlichen wurde es als das entblößt, was es eben ist. Doch wie ich durch diesen erschreckend unkritischen Beitrag von TV touring im Nachhinein erfahren habe, war der gute Manfred Spitzer vor ein paar Tagen in Würzburg, um seine kruden Thesen von sich zu geben. Und dann durfte er gleich seine andernorts längst widerlegten Anschauungen vor der Kamera wie ein Mantra wiederholen. Nur gilt eben nach wie vor, die Sache wird nicht wahrer, wenn man sie nur oft genug wiederholt.
Manfred Spitzer hätte vor dem Lesen von Büchern gewarnt
Manfred Spitzer, der übrigens selbst eine Fernsehsendung bei BR alpha hat und dessen Buch auch als E-Book zu haben ist, gehört zu jenen Warnern, die jede Generation zu ertragen hat. Hätte er damals gelebt, er hätte vor den rasenden Lokomotiven gewarnt. Ein paar Jahrzehnte früher, wäre ihm das Lesen übel aufgestoßen. Im Grunde tut er das irgendwie ja auch heute noch, denn viele seiner Argumenten hat man alle schon gehört – vor 200 Jahren hielten Männer wie Manfred Spitzer das Lesen nämlich wirklich für gefährlich, weil der Buchkonsum seinerzeit in die Höhe schoss.
Natürlich gibt es Gefahren wie Internetsucht oder Vereinsamung wirklich, das in Abrede zu stellen – in dem man zum Beispiel die wirklichen Zahlen nennt und auf die geringe Anzahl der Betroffenen hinweist – wäre aber eine Kopie der Vorgehensweise von Manfred Spitzer. Der es in seinem Buch bekanntlich hervorragend versteht, sich Studien und Grafiken nach seinem Gusto zusammen zustellen und nach seiner Meinung zu interpretieren.
Gut gemeint, ist das Gegenteil von gut gemacht
Was er allerdings nicht versteht, ist die simple Feststellung nicht von Extremfällen auf den Durchschnittsfall zu schließen. Spitzer, Direktor der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm, sieht während seiner Arbeit diese Extremfälle und zieht offenbar andere Schlüsse. Vielleicht kann man ihm den guten Willen gar nicht mal absprechen, vielleicht glaubt er alles, was in seinem Buch steht, vielleicht schusterte er sich seine Fakten nicht einmal bewusst zurecht – vielleicht gilt dann aber auch die alte Weisheit, gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemeint.



